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Wirtschaftsmediation
 
Fallbeispiel: Ärger bei der Einführung eines EDV-Systems

 
Von: Walter Petri

 
Mediatoren können gar aus einer Lost-Lost eine Win-Win–Situation schaffen. Das zeigt das Beispiel aus dem Alltag eines Wirtschaftsmediators:
 
Die Versicherungsgesellschaft A bestellt bei dem mittelständischen Softwarehaus B ein EDV-System, das ihren Außendienst bei dem Verkauf von Versicherungspolicen unterstützen und von administrativen Arbeiten entlasten sollte. Der geplante Liefertermin wird nicht eingehalten; heftiger Streit entsteht zwischen den extremen Positionen der beiden Konfliktparteien. Dies geht sogar soweit, dass auf beiden Seiten die unmittelbar beteiligen Manager und Projektleiter nicht mehr vernünftig miteinander reden können.
 
Eine offizielle rechtliche Bewertung der Situation existierte nicht. Es ist vorhersehbar, dass es nur zwei Verlierer geben kann. Die Bestandsaufnahme bei den Verträgen und dem Projektverlauf hätte Monate in Anspruch genommen. Qualifizierte Kapazitäten wären auf beiden Seiten gebunden für die Vorbereitung einer rückwärts gerichteten Auseinandersetzung. Zudem wären hohe Kosten entstanden.
 
Hätte ein Gericht das mittelständische Softwarehaus zu Schadenersatz oder zur unentgeltlichen Fertigstellung des EDV-Systems verurteilt, wäre ein Konkurs wahrscheinlich gewesen. Die Versicherung A hätte in diesem Fall zwar gesiegt, aber ihre Projektziele 'Unterstützung des Außendienstes beim Verkauf von Versicherungspolicen' und 'Entlastungen von administrativen Arbeiten' nicht erreicht. In einem solchen Fall kann man getrost von einer Lost-Lost-Situation reden.
 
Zum großen Glück für die Beteiligten gab es in dieser schwierigen Situation die Idee, einen unbeteiligten Dritten einzuschalten. Damals war noch nicht von Mediation die Rede, sondern nur davon, die festgefahrene Situation wieder in Gang zu bringen. In getrennten Gesprächen lotete der Mediator die Positionen und Ansätze aus.
 
Die sechs Phasen einer Mediation
 
Die Mediation läuft strukturiert in sechs Phasen ab:
  • In einer ersten Phase wird ein gemeinsamer Mediationsrahmen geschaffen, in der Informationen, Kosten, Zeithorizont, Organisatorisches und Gesprächsregeln festgehalten werden.
  • In einem zweiten Schritt folgen die Festhaltung der Themen und Sichtweisen der Konfliktparteien.
  • Die dritte Phase sollte die Interessen und emotionale Hintergründe der Konflikte beleuchten.
  • In Phase vier und fünf werden Lösungsoptionen entwickelt und bewertet sowie eine verbindliche Vereinbarung schriftlich fixiert. Gegebenenfalls können in dieser vorletzten Phase Rechtsanwälte oder Steuerberater hinzugezogen werden.
  • Die sechste Phase dient als Überprüfungstermin, um die Tragfähigkeit und Umsetzung der Vereinbarung zu überprüfen.
Bei dem o. g. Beispiel für die Mediation zwischen Software- und Versicherungsbranche galten folgende Grundsätze: Mediation ist ein freiwilliges Verfahren. Sie lässt sich nicht erzwingen. Nur 100%ige Neutralität des Mediators ermöglicht einen fairen und interessengerechten Umgang der Konfliktparteien. Die Parteien entwickeln eigenverantwortlich für sich verbindliche Lösungen. Informiertheit geht vor: Die Konfliktparteien müssen bereit sein, alle sachlichen Daten und relevanten Fakten offen zu legen. Vertraulichkeit ist ein weiteres „Muss“: Die Parteien verpflichten sich im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten zum Stillschweigen.
 
Im Streit zwischen Versicherungsgesellschaft A und Softwarehaus B gab es zum Schluss eine für alle Seiten zufriedenstellende Lösung. Nach einigen Sitzungen traf man eine Vereinbarung, mit der beide Parteien leben konnten. Und das Wichtigste: Es gab keine Gerichtsverhandlung, an dessen Ende wahrscheinlich ein zahlungsunfähiges Softwarehaus gestanden hätte und eine Versicherungsgesellschaft, die ihre Ziele nicht erreicht hätte sowie erhebliche Kosten gehabt hätte.
 
Und zu guter Letzt: Es wurden weitere Geschäfte untereinander gemacht.
 
Das ist das Dualitätsprinzip der Wirtschaftsmediation. Einerseits wird kurzfristig und aktuell ein Konflikt gelöst und andererseits ergeben sich aus der Mediation Anstöße und Aktivitäten für die Weiterentwicklung des Unternehmens.
 

 

 
Das Bild zeigt die letzte Stufe der Konflikteskalation: Gemeinsam in den Abgrund. Totale Konfrontation ohne Weg zurück. Die Vernichtung des Gegners zum Preis der Selbstvernichtung wird in Kauf genommen.
 
Wenn ein Streit erst einmal eine solche Eskalationsstufe erreicht hat, hilft nur noch eine professionelle Hilfe.

 
Walter Petri
Walter Petri Wirtschaftsberatung